Sonntag 08 Februar, 2015

Wir trafen Arwel Wyn Jones und Claire Pritchard-Jones


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Das Ausnahme-Power-Couple erzählt uns spannende Hintergrundgeschichten über ihre Arbeit bei Sherlock und Doctor Who.


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Ohne ihn wäre Sherlock obdachlos und vielleicht Mitglied seines eigenen Netzwerks.
Ohne ihn hätte Irenes Schlafzimmer niemals diese elegante Ausstattung.
Er kreiert und realisiert Apartments und U-Bahn-Züge, die in die Luft gejagt werden. Er entdeckt die spannendsten Orte und macht aus ihnen einzigartige, aufregende Filmsets.

Sie macht einen Job, den wohl jedes Fangirl gerne hätte. Zumindest für einen Tag. Sie darf in Sherlocks Haaren wuscheln, ganz wie sie möchte. Sie kreiert außergewöhnliche Make-Ups wie eine Schusswunde oder Narben, deren Anblick alleine schon schmerzt.

Wir hatten die Möglichkeit das brillante Power-Paar Arwel Wyn Jones, Produktionschef von Sherlock, und Claire Pritchard-Jones, Haar und Make-up-Designerin bei Sherlock, zu treffen und mit ihnen zu plaudern. Und eines vorab – die beiden sind nicht weniger außergewöhnlich als ihre Arbeiten.

Brennend interessiert uns natürlich die Frage, wie man denn zu diesen coolen Jobs kommt. „Es ist vor allem laufendes Lernen und viele relevante Kurse absolvieren“, verrät Claire, die schon seit frühester Jugend immer bei der BBC arbeiten wollte und daher nach London zog, um dort ihren Weg zu gehen. Tatsächlich bekam sie eine Lehrstelle bei der BBC, die es in dieser Art „leider jetzt so nicht mehr gibt“, wie Claire gleich enttäuschen muss. „Ich war 2 Jahre in der Ausbildung, dann wurde ich angestellt.“ Neben ihrem Können hatte Claire damit auch noch Glück.

Arwel hingegen hat keine spezielle Ausbildung. Er startete als Laufbursche, „ich habe Tee und Kaffee für die Leute gemacht und arbeitete mich nach oben. Die einen machen Kurse, die anderen schlagen den Praxis-Weg ein. Letzterer war für mich der Bessere.

Was aber beide neben ihrer langen Erfahrung haben, das ist „die künstlerische Ader, die man einfach auch haben muss“, so Claire.

Es ist ein cooler Job, ja, aber es ist auch harte Arbeit, die viele unterschätzen. „Es gibt viele, die in die Filmindustrie gehen, weil sie die Idee spannend finden; die harte Arbeit dahinter wollen aber wenige sehen.“ so Arwel. Claire kann das nur bestätigen: „Nach vier Jahren intensiver Ausbildung habe ich bei der BBC dann trotzdem auf der untersten Stufe angefangen.

Claires erstes großes Projekt war eine walisische TV-Dramaserie, „Teulu“, was so viel wie „Familie“ heißt. Hier hat sie viel gelernt und die Kollegen haben sie sehr unterstützt, wie sie betont. Arwel hingegen hatte es weniger leicht. „Ohne spezielle Ausbildung und den entsprechenden Background war es sehr schwierig, einen Job zu finden. Ich habe viele Werbefilme und sowas gemacht“, erzählt er uns. Doch dann kam die große Chance. Während er noch an Projekten mit Hayden Pierce arbeitete „kam der Anruf zu einem Bewerbungsgespräch für die künstlerische Leitung bei Doctor Who. Also ging ich hin und bekam den Job und konnte endlich das machen, wofür ich schon so lange hart gearbeitet habe.

Doctor Who ist die bisher am längsten laufende und erfolgreichste Science-Fiction-Fernsehserie, mittlerweile Kult, mit einer weltweiten Fangemeinde. Arwel war 4 Jahre Art Director bei Doctor Who, bei einige Episoden arbeitete er dabei mit Steven Moffat. Danach übernahm er weitere Projekte wie „The Sarah Jane Adventures“, einen „Ableger“ von Doctor Who. Und er hörte die Gerüchte: Eine neue Serie war in Planung. Er kannte Sue Vertue bereits und war durch seine Zusammenarbeit mit Steven Moffat schon Fan von dessen Arbeiten. Arwel wurde Teil von Sherlock – und das obwohl „ich nicht mal das Skript gesehen habe, ich kannte nur das Konzept.“

Wir fragen nach, warum das Set, besonders das Appartement in 221B, nach dem Pilotfilm doch sehr auffällig abgeändert wurde. „Es gab einige Gründe dafür“ erzählt uns Arwel, „für den Piloten war das Design bereits festgelegt, ich hatte wenig Einfluss darauf. Es sollte ein traditioneller Sherlock mit Elementen des 21. Jahrhunderts sein.“ Nachdem der Pilot fertig abgedreht war, war jedoch klar, es muss eine Geschichte des 21. Jahrhunderts werden. Die Vorgaben wurden umgeändert: 21. Jahrhundert mit Elementen des Originals. “Ich hatte damit eine unbeschriebene Leinwand, um mit dem Set ganz neu zu beginnen. […] Natürlich konnten wir nicht alles komplett umwerfen, somit hatte ich einige Parameter einzuhalten.“ erinnert sich Arwel.

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Aber nicht nur das Set wurde angepasst, auch Sherlock sah in den neuen Episoden verändert aus. Claire erzählt uns: „Er sollte Byronesque aussehen, wie ein Dichter. [Anmerkung: Claire bezieht sich auf Lord Byron]. Und er ist eine Kreatur der Nacht, daher musste er sehr blaß sein.“ Benedicts straffer Projektplan machte es für Claire jedoch nicht leicht. Sie musste bei jeder Episode mit dem arbeiten, was andere Projekte hinterlassen hatten. Und Benedicts Haare mussten jedes Mal erneut wachsen, damit es die Länge hat, die alle an Sherlock so lieben.

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Wie viel Freiheit hat sie bei ihrer Arbeit, möchten wir wissen, und wie Make-up-Designs entstehen. „Es ist sehr skriptlastig.“ erklärt uns Claire. “Wir analysieren den Charakter, wie er im Skript beschrieben wird. Dann machen wir unsere Vorschläge, Produzenten und Leiter haben dann auch ihre Ideen. Wenn dann der Schauspieler gecastet wird, kann alles wieder anders sein. Wir arbeiten also bis zur letzten Minute. Letztlich muss der Schauspieler zum Charakter werden, den er spielt. Und wir geben unser Bestes, dass er sich auch so fühlt.

Arwel hingegen erhält kaum Vorgaben, „nur“ die eines Gesamteindrucks, den das Set haben sollte. Manche Elemente sind definiert oder müssen vorhanden sein, wie zum Beispiel ein Fenster, weil es für eine bestimmte Szene gebraucht wird, doch, so sagt Arwel, „ich bin in der sehr glücklichen Lage, dass sie [Produzenten] mir immer sehr vertraut haben. Natürlich arbeitet man mit den Direktoren zusammen […] aber meist sagen sie „fein, ok, das sieht gut aus.“

Wir sind neugierig und sprechen Arwel natürlich auf die bereits kultige Tapete in Sherlocks Appartement an. Hat er sie ausgesucht? Arwel lächelt dabei bescheiden, als er uns antwortet: „Manchmal bekommen wir Musterbücher […] oder gehen auch in Pubs oder Geschäfte. Es ist eine Mischung […] Die Tapete ist aber ein bisschen ein persönlicher Triumph. Keiner war wirklich überzeugt davon. Ed, der Designer, meinte „Ich hoffe, er weiß, was er tut.“ und auch Paul McGuigan sagte nur „Oh, naja, wenn du dir sicher bist.“… Ich dachte nur, oje, das liegt jetzt wirklich auf meinen Schultern… […] …und dann wurde sie so ein Kultstück der Serie.“ [Wir müssen alle sehr lachen bei dieser Geschichte].

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 Auch Claire erinnert sich, als sie zum Set kam und alle waren verliebt in die Tapete und das Appartement. „Du fühlst, du würdest gerne hier leben“, sagt sie „du willst dich auf das Sofa setzen und eine Tasse Tee trinken […] Jeder fühlte sich sofort wohl, es ist einfach ein wunderbarer Platz zum leben.“ Selbst die Schauspieler waren ganz begeistert. Arwel erzählt lachend, Una Stubbs (Mrs. Hudson) meinte zu ihm „Wie konntest du wissen, dass es so reizend aussehen würde?“ und Claire weiter „Una liebt das Apartment!  Sie liebt die Küche, die Vintage-Elemente, die Teekannen…“

Einer der schönsten und lustigsten Szenen im Appartment war der Dreh der Explosion, erinnert sich Claire, als Benedict vor den beiden Fenstern stand und der Vorhang sich aufblähte, seine Haare sich aufstellten, als er nach vorne fiel – „wir hatten nur diese eine einzige Chance, nur ein Go – und es hat geklappt! Es war brillant. Und er [Benedict] liebte es, er hat so gelacht danach, es war so großartig.“

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Nachdem die Fangemeinde immer so lange auf eine neue Staffel warten muss, möchten wir wissen, wie lange die Vorbereitungszeit für eine Episode in Anspruch nimmt. „Es wird immer eine gesamte Staffel gedreht“ klärt uns Arwel auf. „Für 3 Episoden fange ich normalerweise 6 bis 7 Wochen vor Drehbeginn an. Ca. 6 Wochen bevor wir starten, beginnen wir, die Sets aufzubauen. Es braucht seine Zeit, sie zu bauen, zu streichen, erneut zu dekorieren und herzurichten. Aber wenn einmal mit der ersten Episode begonnen wurde, beginnen in der zweiten Drehwoche bereits die Vorbereitungen für die zweite Episode.“

Claire hat weniger Spielraum, „2 Wochen, wenn’s gutgeht“ sagt sie uns. Dabei arbeitet sie eng mit den Kostümbildnern zusammen, was für sie sehr wichtig ist. Denn sie möchte genau über die Charaktere Bescheid wissen „was verdienen sie, was ist ihr Job, welchen Lebensstil haben sie, was bringt sie dahin […] Ich denke, das zeigt, wie sich eine Person dann stylt.“ Und Arwel legt nach: „Auch wenn du die Charaktere im Skript hast, neue Drehorte, kannst du nicht beginnen, bevor du nicht weißt, wer für die Rolle besetzt wird.“ Und wir können Arwel nur zustimmen, wenn er sagt, dass die gesamte Besetzung von Sherlock exzellent und ebenso alle Nebendarsteller brillant gecastet wurden.

Vorab Informationen zur Besetzung erhalten Arwel und Claire nicht. Claire hat nach Bekanntwerden der Schauspieler 2 bis 3 Wochen Vorbereitungszeit, dazu gehören dann auch das Lesen des Skripts und alle vorausgehenden Treffen mit den Produzenten und Leitern, um die jeweilige Atmosphäre einer Episode abzuklären. Das kann manchmal sehr stressig werden, so wie gerade bei den neuen Folgen von Doctor Who, bei denen Claire ebenfalls als Make-up- und Haar-Designerin tätig ist.

Trotz viel Stress gibt es aber auch viel Spaß, den die Beiden am Set haben. Denn es ist wichtig, an langen Drehtagen, die sehr anstrengend sein können, auch miteinander zu lachen, sagt Claire mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen. Was war das Lustigste, an das sie sich erinnern können? Die Explosion, weil das alles auch so spontan war, antwortet Claire sofort. „Und weil diese Szene eine der ersten war, die wir gedreht haben“, verrät Arwel. „Wir begannen mit Das große Spiel, dann Der Blinde Bankier und dann Eine Studie in Pink.“ Wir dachten nicht, dass die Reihenfolge der Drehs damit eigentlich mit der letzten Episode der ersten Staffel begann. „Ja“, erklärt uns Arwel „man macht das oft so, man dreht in verkehrter Reihenfolge. Damit haben die Schauspieler schon miteinander gearbeitet, wenn der Zuseher sie zum ersten Mal am Schirm sieht.

Ihre großartige Arbeit trägt natürlich auch ihre Handschrift. Obwohl das “eigentlich die Natur des Jobs ist, oder?“ lacht Arwel. Claire verrät, dass sie besonders gerne mit Perücken arbeitet. “Ich glaube, das ist meine größte Leidenschaft. Und Leute zu täuschen…”, bekennt sie mit einem Augenzwinkern. Spannend ist es immer – und es kommt dabei natürlich auch immer auf die Story an. „Als er [Sherlock] ein Obdachloser war, war er schmutzig und verdreckt, seine Haare fettig. Wenn man ihn dann als die Kultfigur Sherlock sieht, hat er diese makellose Haut, da gibt es einige unsichtbare, spezielle Schattierungen […] einiges, was man gar nicht bemerkt – es ist fein aufgetragenes Make-Up. Es geht darum, es aufzutragen, es aber nicht zu sehen.“

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Die Zeit verging leider viel zu schnell, wir hätten gerne noch viel länger mit Claire und Arwel geplaudert, denn die beiden haben so viel zu erzählen. Es war ein besonderes Vergnügen und Erlebnis mit diesen beiden inspirierenden Künstlern, die so großartige Arbeit leisten und dabei so bescheiden und bodenständig geblieben sind.

Claire und Arwel sind nach unserem Interview direkt zur Baker Street Vienna Convention* aufgebrochen, bei welcher Arwel zu einem spannendes Panel und Q&A über seine Arbeit eingeladen war. Ihr könnt euch Claires und Arwels Panel hier ansehen.

Abschließend noch die reizende “twist & diffuse”-Anektode von Claire: Als sie gerade dabei war, Benedict’s Haare für eine weitere Sherlock Szene herzurichten, fragte sie jemand auf Twitter, was sie denn gerade für einen großartigen Job mache. Und Claire antwortete kurz mit einem Foto und „twist & diffuse“. Dass sie Twitter und das Fandom damit fast zum Explodieren brachte, war ihr in dem Moment nicht wirklich bewusst – und sie staunt heute noch und lächelt dabei ihr nettes Lächeln.

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Vielen Dank Claire und Arwel! Ihr seid wunderbar und wir freuen uns darauf, noch viel mehr von euren brillanten Arbeiten zu sehen. Oder wohl eher nicht wirklich „sehen“… ;)

Das gesamte Interview könnt ihr gerne nachlesen - viel Spaß!

* Die erste Sherlock Holmes Convention Baker Street Vienna fand von 14. bis 15. Juni 2014 in Wien statt. Infos zur diesjährigen Convention findet ihr auf Baker Street Vienna.

 

©Copyright pictures: Arwel Wyn Jones and Claire Pritchard-Jones

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