Montag 10 August, 2015

Benedict begeistert als Hamlet


Hamlet 2

Wir waren bei der ersten und zweiten Preview von Hamlet – und haben eine spannende Inszenierung mit einem bemerkenswerten Cast gesehen.


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Endlich war es so weit. Nach einem Jahr Wartezeit hat Hamlet mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle im Londoner Barbican gestartet.

Wir konnten die erste und zweite Vorstellung besuchen, und unsere Erwartungen waren nach der langen Zeit natürlich entsprechend groß und die Stimmung im Barbican voller Spannung. Vorab haben wir den extra für Hamlet eingerichteten Merchandise Shop besucht. Dort wird neben dem Programmheft (um stattliche £8.50) und Tassen, Poster, Taschen u.a.m. mit dem aktuellen Hamlet-Sujet auch einiges an Shakespeare-Dingen wie Bücher, Magnete etc angeboten. Zurzeit gibt es dieses Merchandise nur mit dem Hamlet-Sujet der Kinder, es sollte zur offiziellen Premiere am 25. August dann noch ein Kartenset der Schauspieler geben.

Das Publikum an diesem Abend war, wie erwartet, überwiegend weiblich, jedoch in allen Altergruppen vertreten.

Eine interessante Produktion

Wer mit Hamlet vertraut ist, wird sich bereits beim ersten Satz etwas wundern, denn es beginnt mit Hamlets wohl berühmtesten Sager “To be or not to be”.  Auch wenn das vorerst verwirrt, ist es letztlich ein großartig neuer, anderer Einstieg in Lyndsey Turner Inszenierung, die einige sehr interessante Regie- und Textentscheidungen in das Stück einbringt. Damit unterscheidet sich Turners Produktion maßgeblich von bekannt-klassischen Inszenierungen und erhält einen ganz eigenen Charakter.

Das Bühnenbild von Es Devlin ist wunderschön und füllt die gesamte Bühne des Theaters. Farblich abgestimmt mit dem offiziellen Poster bringt es uns direkt in die Palasträumlichkeiten der dänischen Königsfamillie, zeigt sich in voller Pracht mit weitläufiger Treppe, Gemälden und einem extravagantem Kronleuchter. Das gesamte Stück spielt sich in diesem einen Raum ab, unterschiedliche Requisiten werden während des Stücks auf die Bühne gebracht oder hinausgeschoben, sie geben dem extravagantem Raum damit jedesmal aufs Neue eine andere beeindruckende Atmosphäre.

In der zweiten Häfte (nach einer 15 minütigen Pause) ändert sich der Prunk und Luxus des Palastes zu Schutt und Geröll. Der Boden ist dann mit Steinen, Geröll und Erde übersäht, die Beleuchtung düsterer, die kommenden Ereignisse und der Niedergang der Familie werden damit schon bei Beginn des zweiten Teils fühl- und sichtbar. Musikalisch sind die Szenen hervorragend mit den von Jon Hopkins komponierten Klängen unterlegt. Sie tragen wesentlich und in etwas unheimlicher und befremdlicher Weise zur Stimmung bei.

Das Kostümdesign ist modern gehalten, jedoch etwas widersprüchlich zu den verwendeten Requisiten: So sehen wir Hamlet u.a. mit Windjacke und Jeans, begleitet von seinem Freund Horatio, den wir in seinem Aussehen heute als Hipster beschreiben würden, während der Plattenspieler, Radio und Kamera eher aus den 60er/70er Jahren zu sein scheinen. Gertrude wiederum trägt Kleider im 20er/30er Jahre Stil, die Männer zum Teil Uniformen oder auch Dreiteiler-Anzüge wie aus dem letzten Jahrhundert. Es ist eine etwas unverständliche Mischung, die einen Bogen über die Generationen zu spannen scheint.

Die vorgenommenen Veränderungen im Text sind clever und besonders in der ersten Szene auffallend neu im Vergleich zu allen bisherigen Hamlet-Produktionen. Auch wenn man vielleicht einen traditionellen Zugang bevorzugt, kann man über die Stärke dieser Änderung nicht hinwegsehen. Sie machen das Stück zeitgemäßer und moderner, passen großartig zu Kostümen und Schauspiel und fangen damit auch jene ein, die vielleicht mit dem originalen Shakespeare-Texten nichts anfangen können.

Lyndsay Turners Versuch einige “komödiantische” Momente in das Stück einzubauen, gelingt allerdings nur begrenzt. Für eine Tragödie wie Hamlet sind diese aus unserer Sicht eher unpassend, dass es Lacher aus dem Publikum gibt ist befremdlich. Auch der wahrscheinlich unbeabsichtigte Versuch, verschiedene Theaterstile zu vereinen, wirkt noch nicht ganz ausgereift. Dies wird besonders beim Fechtkampf zwischen Hamlet und Laertes sichtbar, jedoch sollten diese Ungereimtheiten durch die 3wöchige Previewzeit noch ausgeglichen werden.

Ein zum Teil starker Cast

Benedict kann als Hamlet sein volles Potenzial und Talent zur Schau stellen. Es gelingt ihm, die Gefühle und Intentionen Hamlets klar darzustellen, allerdings wirkt seine sehr physische schauspielerische Ausdrucksweise mit starker Gestik in einigen Szenen etwas übertrieben, und man bekommt schnell Erinnerungen an seinen Sherlock. Auch scheint sein Hamlet etwas zu intelligent, um sich in Verzweiflung zu verlieren.

Als er jedoch zum ersten Mal als vermeintlich vom Irrsinn Gezeichneter im Kostüm eines Puppen-Nussknackers erscheint und ein Schauspiel der ganz besonderen Art zeigt, war da gesamte Publikum hingerissen und applaudierte begeistert nach seinem Abgang. Diese Szene ist sicher eine der herausragendsten und zeigt Benedicts komödiantisches Talent, auch wenn das Komödiantische hier besonders auffallend der Tragödie per se widerspricht. Hamlets vorgegaugelter Irrsinn hätte vielleicht etwas mehr Ernsthaftigkkeit vertragen, auch wenn man Benedicts Spiel in dieser Szene einfach lieben muss.

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Bereits sehr gut in seiner Rolle ist Kobna Holdbrook-Smith. Sein Laertes gewinnt schnell den Respekt des Publikums und sticht aus dem Cast hervor.

Ciarán Hinds Darstellung von Claudius ist ebenfalls sehr gut. Sachlich und kontrolliert verbirgt er seinen wahren Charakter, jedoch ist er gegenüber Hamlet etwas zu zurückhaltend, er könnte ein stärkerer Kontrahent sein. Seine wahren Absichten und Macht legt er nur in der Schlussszene der ersten Hälfte schlüssig offen.

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Die meiste Arbeit liegt noch vor Siân Brooke als Ophelia und Anastasia Hille als Getrude. Da die Rolle der Ophelia nicht allzu viel Bühnenpräsenz hat, zählt eigentlich jeder Moment, um eine gewisse emotionale Verbindung zum Publikum aufzubauen. Dies gelingt ihr teilweise noch nicht, besonders in der gemeinsamen Szene mit Hamlet liegt zu wenig Kraft. Auch die Darstellung der Verrücktheit in der zweiten Hälfte ist zu blaß und könnte mehr Stärke brauchen, hat aber durchaus noch Potenzial, sich zu entwickeln.

Anastasia Hilles Getrude wird besonders stark in den Szenen vor Ophelias Tod. Erst da bekommt man einen Einblick in die Persönlichkeit von Hamlets Mutter und ihrer ganz eigenen Tragödie. Davor ist die Figur fast eher eine Randfigur und wirkt manchmal sogar etwas deplatziert.

 Offizielle Premiere am 25. August

Bis zur offiziellen Eröffnungsnacht am 25. August wird sich die bereits jetzt außergewöhnliche Produktion von Sonia Friedman sicherlich noch verbessern. Die Darsteller werden in ihre Rollen hineinwachsen, die Chemie untereinander aufbauen und das Stück zu einer einzigartigen Inszenierung machen.

Zum Abschluss noch ein Wort zum Publikum: Auch wenn überwiegend Fans von Benedict Cumberbatch anwesend waren, haben sich alle großartig an die Theateretikette gehalten, entgegen aller vorherigen Annahmen der britischen Presse. Es gab keine “OMG”-Momente wie z.B. bei Coriolanus mit Tom Hiddleston oder irgendwelche anderen unangebrachten Begeisterungs- oder Zwischenrufe. Das Publikum war aufmerksam und in die Geschichte vertieft, was es für alle zu einem tollen Erlebnis gemacht hat, und zollte seinem Star, Benedict Cumberbatch, letztlich mit Standing Ovations seinen Respekt.

 

Fotocredit: @PA

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